Künstlerische Qualität

Was heißt heute künstlerische Qualität, wer beurteilt sie, mit welchem Recht?
von Dr. Richard Hiepe
Zwei Grundtatsachen
Die Frage nach objektiven Kriterien für künstlerische Qualität bewegt die Menschen sei den ersten uns bekannten Auseinandersetzungen um Kunst und Kunsturteile in der Antike. Und seither sind zwei Tatsachen immer deutlicher geworden, aus denen erst in der Gegenwart umfassende Konsequenzen für Kunst und Künstler gezogen wurden. Erstens: Es gelten nach allen Erfahrungen der Kunstgeschichte und nach allem Wissen der Kunsttheorie oder -philosophie (Ästhetik) keine festgeschriebenen oder verbindlichen Regeln – im Sinne natur-wissenschaftlich gültiger Gesetzmäßigkeiten – für diese Fragen; weder dafür, was Kunst oder nicht Kunst sei, noch für die Frage nach objektiven Kriterien für künstlerische Qualität.
Zweitens: Gleichzeitig verfügt die menschliche Kultur seit der Antike über einen ständig anwachsenden Schatz von Erfahrungen und Methoden bei der Beantwortung dieser Fragen, die es uns erlauben, zu ausgewogenen, sachgerechten und wohlbegründeten Urteilen über Kunst und Qualität zu gelangen. Hat uns schon die klassische Antike – bei ihrem viel eingeschränkteren Gesichtskreis – die Namen einiger ihrer größten Künstler wie Phidias oder Praxiteles in einer bis heute gültigen Bestimmtheit hinterlassen, so lebt und urteilt der moderne Kunstfreund in einem «imaginären Museum» (André Malraux), einer enormen Anhäufung von Kunstsammlungen, Kunstliteratur, Kunstwissen, welche die Kunst aller Zeiten und Völker in Originalen und Reproduktionen ständig um ihn versammeln, versehen mit den Ergebnissen einer bis in die feine Details exakten Kunstforschung, einer unerschöpflichen Vielfalt von Kunsturteilen, anerkannten Werten und Wertungen.
Unsere Urteile auf dem Gebiet der älteren Kunstgeschichte, über klassische Meister und ihre Rangfolge – wie sie sich auch in den Preisen am Kunstmarkt ausdrücken – stehen auf einem ähnlich gesicherten Boden wie etwa die Urteile von Experten über den Wert alter Teppiche, die heute eine rechnerisch fast feststehende Rangfolge haben. Das gilt auch – mit einem in Annäherung an die unmittelbare Gegenwart ständig wachsenden Unsicherheitsfaktor – für die zeitgenössische bildende Kunst; jedenfalls für diejenigen Richtungen und Stile, die sich auf die genannten klassischen oder auch schon als klassisch empfundene moderne Stilrichtungen beziehen. [...]
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