VDMFK - Vereinigung der Mund- und Fussmalenden
Künstler in aller Welt, e. V.

Was ist Kunst?

Man macht Kunstausstellungen, weil man Kunst ausstellen will. Diese Bilder werden hier gezeigt, weil sie nach Auffassung ihrer Urheber, der Vereinigung, einer Jury und wohl auch der Schirmherrschaft Kunst sind. Aber – sind diese Bilder deshalb wirklich Kunst? Kunst kommt von Können, sagt der Volksmund. Wenn dass das Kriterium wäre, könnte kein Zweifel daran bestehen, dass wir es hier mit Kunst zu tun haben: Ganz augenscheinlich können alle Urheber dieser Werke malen. Dieser Kunstbegriff ist allerdings trivial: Seine flache Bedeutung wird erkennbar, wenn wir von der Kochkunst oder von der Redekunst sprechen. Nein – wer eine schmackhafte Suppe kochen kann, ohne sie zu versalzen, ist deshalb noch kein Künstler. Und, durchaus selbstkritisch gemeint: Nein – wer eine grammatisch und semantisch korrekte Rede halten kann, ohne ins Stottern zu geraten, ist deshalb auch noch kein Künstler.

Kunst kommt von Künden, sagte mir ein aufmerksamer Beobachter der Szene. Aber wovon kann oder soll Kunst künden? Was, welche Botschaft soll sie uns verkünden? Die Diskussion über das Verhältnis von Kunst und Macht, zum Beispiel in Nationalsozialismus oder im Stalinismus, zeigt, dass Propaganda mit Nachdruck etwas verkünden will – ihr Kunstgehalt allerdings ist fragwürdig. Am Künden allein kann es also wohl auch nicht liegen.

Was also ist denn Kunst, wenn uns Können und Künden nicht mehr weiter helfen?

Ich denke, wie erkennen Kunst am ehesten daran, dass sie uns berührt. Das ist ein hoher Anspruch: dass Kunst uns berührt, erfasst und im weitesten Sinne ergreift; dass wir uns auf ein Kunstwerk, hier und heute also ein Bild, einlassen, weil es etwas in uns auslöst, was andere Bilder nicht können. Das sind häufig heftige und auch zutiefst verstörende Gefühle, die Kunst in uns auslösen kann. Viele Künstler haben das als Ermutigung gesehen, uns Bilder von Zerstörung, Schrecken und Entsetzen zu zeigen. Die grossen Apokalypsen von Hieronymus Bosch und Albrecht Dürer bis zu Francisco Goya, Gorge Grosz oder Pablo Picasso gehören zu dieser Art von Kunst. Als Nebenbemerkung möchte ich hier einflechten, dass manchmal eine knappe interpretierende Bemerkung die Verstörung verstärken kann, die ein Bild auslöst. Als ein deutscher Wehrmachtsoffizier im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs ein Atelier besuchte und vor Picassos großem Guernica-Bild stand, diesem Schreckensszenario, das versucht, dem Horror Ausdruck zu geben, den deutsche Bomber der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg über die kleine baskische Stadt gebracht hatten, fragte er den daneben stehenden Maler: „Haben Sie das gemacht?“. Picasso soll darauf geantwortet haben: „Non, Monsieur, das haben Sie gemacht.“ Jetzt habe ich in dieser schönen Ausstellung von Schrecken und Zerstörung geredet, die in der Kunst ihren Ausdruck finden können – völlig unangemessen, wenn wir die Bilder um uns herum betrachten! Ich habe das deshalb getan, weil ich Ihr Augenmerk gerade auch darauf richten möchte, dass es nicht nur Darstellungen von Horror sind, die uns verstören können. Es gibt in der Kunst zu unserem tiefen Glück auch die Verstörung durch Schönheit.

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