VDMFK - Vereinigung der Mund- und Fussmalenden
Künstler in aller Welt, e. V.

Kunst und Kunstrezeption

Von Dr. Klaus Grabowski

Dr. Klaus Gabrowski ist Kunstkritiker aus Stuttgart, Deutschland. 2005 sprach er anlässlich einer internationalen Kunstausstellung von Werken mund- und fußmalenden Künstlern in der süddeutschen Stadt Ulm sprach über Kunst und Kunstrezeption. Nachfolgend haben wir seine vollständige Rede im Wortlaut abgebildet:

Meine Gedanken zur Kunst und zur Kunstrezeption möchte ich mit einigen Reaktionen einleiten, auf die ich gestoßen bin, als ich erzählte, dass ich heute hier reden werde. Die erste war: «Ach, Mund- und Fußmaler – das sind doch diese armen Menschen. Großartig, was die trotzdem so machen!» Solche Sätze, mit durchaus mitleidigem Ton gesprochen, sind zwar gut gemeint, haben aber mit den hier gezeigten Kunstwerken nur wenig zu tun. Denn Vincent van Gogh war ja nicht erst dann – oder gar deshalb – ein großer Maler, als ihm ein Ohr fehlte, und Jackson Pollock gilt nicht deshalb als einer der Wegbereiter der Moderne, weil er alkoholkrank war, und – um noch ein aktuelles Beispiel zu nennen, –Jörg Immendorffs Kunstwerke sind nicht deshalb Kunstwerke, weil er an einer fortschreitenden unheilbaren Krankheit leidet.

Die zweite Reaktion, auf die ich gestoßen bin, war: «Ach, das sind doch diese Grußkarten-Maler.» Im Tonfall dieser Äußerung ist deutliche Geringschätzung spürbar. Aber ist denn alles als Kunst disqualifiziert, was auf Grußkarten gedruckt wird? Wenn das so wäre, bliebe nur wenig wirkliche Kunst übrig, weil in allen Museumsshops weltweit fast alles, was ausgestellt ist, auch auf Karten zu haben ist: von Matthias Grünewalds Madonna im Rosenhag, allen großen Werken Leonardo da Vincis und Albrecht Dürers über die Klassische Moderne mit unzähligen Werken von Klee, Macke, Nolde bis zu Magritte, Warhol und Dali und weit darüber hinaus: alles auf Karten, auf denen Sie Ihre Grüße verschicken können.

Und noch einen Einwand inhaltlicher Art habe ich gehört: Da gibt es doch Mund- und Fußmaler, die nach Fotos malen – ebenfalls mit dem Unterton, dass das ja wohl nicht die wahre Kunst sein könne. Wer so argumentiert, hat anscheinend die Entwicklung der Kunst nicht verfolgt. Andy Warhols Porträts von Marilyn Monroe wären demnach ebenso wenig Kunst wie Gerhard Richters großer Zyklus zur Geschichte der RAF, den er «18. Oktober 1977» genannt hat und den er nach Fahndungsfotos und Pressebildern gemalt hat. Die Neue Leipziger Schule hat dieses Verfahren ebenfalls adaptiert – mit durchschlagendem Erfolg bei internationalen Kunstsammlern. Inzwischen ist die Entwicklung ist schon wieder weiter: Dass Alltagsgegenstände Kunst sein können machten Marcel Duchamp und inzwischen viele Andere mit ihren «objets trouvés» und «ready mades» deutlich. Auch die Grenzen zwischen Werbegrafik und Kunst sind spätestens seit Warhols Abmalungen von Campbell’s Suppendosen fließend, wenn nicht sogar aufgehoben. Und noch komplizierter wird es, wenn Sie sich die Werke von Elaine Sturtevant ansehen: Unter dem Titel «The brutal Truth» hat sie Werke, die als Ikonen der Moderne anerkannt sind, minutiös reproduziert, so dass sie von den Originalen nicht zu unterscheiden sind. Und selbst dadurch entsteht eine neue Sicht auf diese bekannten Werke: Auf einmal ist Jasper Johns amerikanische Flagge kein Jasper Johns mehr, und auch Josef Beuys’ Fettstuhl ist dadurch, dass Sturtevant ihn in einen völlig anderen Kontext stellt, mehr als ein Werk von Beuys. Das ist irritierend und verstörend; im Grunde aber nichts anderes als René Magrittes Bild einer Tabakspfeife mit der Unterschrift «Ceci n’est pas une pipe» – «Dies ist nicht eine Pfeife». Die Frage der Identität oder Nichtidentität von Bild und Abbildung, die in archaischen Gesellschaften nicht existiert – dort ist das Bild das Idol –, ist hier ganz schlicht beantwortet: Das Bild ist ein Bild, nicht die Realität. Realität ist das Bild allerdings als Kunstwerk. Tatsächlich sind die Bilder in dieser Ausstellung hier zusammengefasst, weil die Vereinigung mit Werken ihrer Mitglieder an die Öffentlichkeit tritt; sie sind also alle mit dem Mund oder mit dem Fuß gemalt. Nur ein wenig provozierend soll es klingen, wenn ich dazu frage: Na und? Es ist schließlich ein Leichtes, genau so viele Bilder zusammenzutragen, die mit der Hand gemalt sind. Das allein kann aber wohl nicht der Grund zum Ausstellen sein.

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